The Future of Buying. Ideen für die Zukunft im Retail Business

Wie könnte die Zukunft des Einkaufens aussehen? Welche Erlebnisse erwarten die Kunden von morgen? Welchen Herausforderungen müssen sich die Händler in der Zukunft stellen? Welche Shoppingerlebnisse braucht ein Ladenlokal, um gegenüber dem Online-Handel zu punkten? Wir haben Syndicate-Designer aus den Bereichen Shop und Corporate Design gebeten, einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Der Handel ist nicht tot. Im Gegenteil: Das Retail Business boomt und das nicht nur im Internet. So planen 71 Prozent der Händler neue Standorte in den Innenstädten. Doch bei der Digitalisierung hinkt der Handel den Erwartungen seiner Kunden hinter her. Während vier von fünf Verbrauchern die Verfügbarkeit der Produkte im nächsten Shop online abfragen möchte, bieten dies zurzeit nur zwei von fünf Händlern an. (PwC-Studie „Modern Retail – Innovative Handelskonzepte im Fokus“, 2014) Händler und Handelsunternehmen sollten sich daher so bald wie möglich mit den anstehenden Herausforderungen auseinandersetzen.

Wir haben Syndicate-Designer gebeten, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Wie könnte für sie die Zukunft des Einkaufens aussehen? Welche Erlebnisse erwarten die Kunden von morgen? Welchen Herausforderungen müssen sich die Händler in der Zukunft stellen? Welche Shoppingerlebnisse braucht ein Ladenlokal, um gegenüber dem Online-Handel zu punkten?

Die Beiträge der Designer können Handels- und Markenunternehmen Inspirationen für die Entwicklung ihrer Shop- und Retail-Marken bieten.

Steven Lyle
Creative Director


“The town will be an attraction for inspiring the consumer with an abundance of possibilities that can be touched, smelt and experienced. The old stores with rows of similar products next to each other will be replaced by online shops. The “Inspiration shops” will cover different styles, themes and fashions that can be experienced in individual style shops. Each style shop is full of products to purchase, from magazines to books, food and drink as well as tables 
curtains. The whole room, right down to the floor boards, is for sale, like visiting different people’s houses. Each object/product can be scanned (by smartphone) and collected packed when leaving. And… most important is to combine the Internet with the towns and cities. “Amazon City Centers” is a huge centre where you can pick up all your bundled Internet orders big or small. This reduces postage costs and brings the consumer to a place where he can shop further in the “Inspiration shops,” eat/drink with friends or get cheap petrol, etc….”


Eva Werstler
Industrial Designer


„Online-Shopping liegt zwar im Trend, aber auch ein gewisser Gegentrend ist zu beobachten: Der individuelle Tante-Emma-Laden mit persönlicher Beratung erlebt eine Renaissance. Eine Idee für die Zukunft des Retail Business wäre, die Vorzüge des digitalen Shoppings an den PoS zu holen. So hat zum Beispiel Audi den ersten Cyberstore in London eröffnet. Mit Hilfe von Multitouch-Tischen kann der Kunde sein Wunschauto konfigurieren und an der sogenannten Powerwall 1:1 erleben. Um sich einen Eindruck von Fahrzeugfarben und -ausstattung zu verschaffen, stehen Echtmuster zur Verfügung. Offene Fragen werden durch das Personal beantwortet.“


Kathrin Noall
Senior Account Manager


„Der klassische Handel hat dann eine Chance, wenn er sich den aktuellen Strukturwandel zu Nutze macht, sich auf seine Alleinstellungsmerkmale fokussiert und diese ausbaut. Einmalige Einkaufserlebnisse, kombiniert mit individueller Beratung und kompetentem Service, müssen wieder im Vordergrund stehen. Dies fängt bei einer attraktiven Präsentation der Produkte an und hört bei zweitrangig scheinenden Dingen, wie geräumigen und angenehm beleuchteten Umkleidekabinen, auf. Der Konsument möchte nicht nur ein Produkt, sondern ein Erlebnis kaufen … Ich bin der Überzeugung, dass die Gewinner dieses Wandels vor allem die Hersteller und Marken sein werden, die es schaffen, die beiden unterschiedlichen Absatzkanäle zu kombinieren und sowohl online als auch offline ihr Potential optimal zu nutzen.“


Jörg Padberg
Design Director


„Die vielgepriesene Entschleunigung der Zeit findet im Design nicht statt. Im Gegenteil – alles wird schneller, bunter, spannender, flexibler und spielerischer. Marken werden zukünftig intelligenter –angereichert mit Aktualität und themenspezifischem Design. Durch Events, haptische Erlebnisse und Düfte werden Markenkern und -Werte übermittelt und erlebbar gemacht. Das Internet funktioniert direkt am Körper und wird zum permanenten Begleiter – überall und hochaktuell vermittelt es Informationen rund um das Produkt.Verpackungen sind kurzlebiger und werden angereichert mit intelligenten Hologrammen. Design muss sich den neuen Herausforderungen stellen und zum Vorreiter für neue Trends und Entwicklungen werden. Alles dreht sich und bewegt sich – rund um die Marke – mehr denn je. Es bleibt also spannend!“


Robert Lettau
Creative Director


„Ich denke, dass sich der Markt in Zukunft aufteilen wird: in diejenigen, die Zeit haben, und in die, die zeitlich stark eingeschränkt sind. Für Menschen, die zusätzlich über das entsprechende finanzielle Potential verfügen, wird der klassische Einkaufsbummel eine noch größere Rolle spielen. Megalabels werden mit imposanten Markentempeln, in Verbindung mit erstklassigem Service und multimedialer Verführung, um die Gunst der Käufer werben. Für Nicht-Zeithaber werden diese Erlebniswelten über neue Technologien ins Wohnzimmer transferiert. Mit Hilfe von 3-D gescannten virtuellen Klonen werden wir am Bildschirm Mode ausprobieren können. Neue Produkte werden, unserem individuellen Profil entsprechend, gesucht und vorgeschlagen. Das Internet wird uns im Alltag komplett umwickeln: Transportmittel, Home Entertainment, Public Spaces werden zu Plattformen, die unsere Vorlieben, Gewohnheiten und unseren Lebensstil über IDS messen können. Wir werden transparenter und das World Wide Web zu einem allumfassenden Anbieter.“



Marie Marxen
Designer


„Riechen, Hören, Schmecken, Fühlen – das ultimative Shoppingerlebnis mit allen Sinnen und der klare Vorteil des klassischen Handels gegenüber den Online-Shopping-portalen. Das zukünftige Betreten eines Kaufhauses sollte zu einer Achterbahnfahrt der Sinne werden. Läden wie Globetrotter und Abercrombie & Fitch machen es vor. Das bedeutet für den Online-Handel: Die Verpackung des Versandartikels, als einziger greifbarer Auftritt, muss emotionalisiert werden – durch ein einmaliges Auspackerlebnis.“

„Der klassische Handel hat einen klaren Vorteil gegenüber dem Online-Handel: das ultimative Shoppingerlebnis mit allen Sinnen.“


Daniel Graf
Creative Director


(Wir schreiben das Jahr 2032 …)

„… haben Captain Ted Williams und Sun Won Li das erste Live-Interview aus dem ,Landing Cube‘ von der Marsoberfläche gegeben…“ – auf meinem Display leuchtet der Einkaufskorb grün auf und Siri sagt mit sanfter Stimme: „Deine Wochenbestellung ist da, Daniel.“ „Danke, Siri, zeig mir doch bitte nochmal die Einkaufsliste.“ Das Fenster mit den Morgennachrichten über die Marslandung verschwindet und meine Einkaufsliste wird eingeblendet. Ich überfliege die Bestellung – keine Frosties. „Siri, bitte bestelle noch eine Packung Frosties.“ „Die 750-g-Packung ist heute für 2,50 eCoins im Angebot, Daniel.“ „Dann die bitte gleich zweimal. Danke, Siri.“ Herrlich, seit Aldi von Amazon geschluckt wurde und Amazon somit das einzige Unternehmen ist, das Waren vertreibt, sind die Preise für alle Güter konstant gefallen. Von wegen als Monopolist wird Amazon die Menschheit ausnehmen.

Ich stehe auf und gehe in den Host*, um mir noch eine Flasche frischen O-Saft für das Frühstück zu holen. Die neue Lieferung ist dank des automatischen Sortiersystems schon komplett eingeräumt und die Lieferkiste steht bereit, um mit den aufgebrauchten Verpackungen befüllt und bei der nächsten Lieferung abgeholt zu werden. Die leeren Verpackungen werden im Zentrallager gesammelt, gereinigt, mit neuem Inhalt befüllt und mit neuem Design bespielt, um anschließend weiterverkauft zu werden.

Ich greife mir den O-Saft aus dem Kühlbereich und lasse meinen Blick über die Regale schweifen. Alles ist übersichtlich sortiert und gut lesbar beschriftet. Die genormten Packungsformate ermöglichen eine äußerst effiziente Raumnutzung. Um die Orientierung und das Handling zu verbessern, hat man sich einiges einfallen lassen. Dank der interaktiven OLED-Oberflächen lassen sich die Verpackungsdesigns individuell an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen.

Da der Host Benutzerprofile erstellt, lässt er, je nachdem, wer ihn zu welcher Zeit betritt, bevorzugte Produkte heller leuchten, damit man sie schneller findet. Betritt mein Enkelsohn den Host morgens um acht, leuchten zum Beispiel nur die Kelloggs Smacks und die Vollmilch auf.

Außerdem erstellt der Host Rezeptvorschläge, die sich aus den jeweiligen Vorlieben, den vorhandenen Lebensmitteln und deren jeweiliger Mindesthaltbarkeit zusammensetzen.

Mit dem O-Saft in der Hand verlasse ich den Host, die hell leuchtenden Tiefkühlcroissants links liegen lassend, und setze mich wieder zu meiner Frau an den Frühstückstisch, die gerade dabei ist, ihre Bestellung für das Abendessen aufzugeben.

*Host= Homestorage, hausinternes Warenlager, das über eine Schleuse von außen beliefert wird und die angelieferten Produkte vollautomatisch einsortiert, registriert und verwaltet.